Kleinfische als Nahrung des
Höckerschwanes (Cygnus olor)

Einleitung und Beobachtung

Am 29. November 2003 besuchte ich in der Jugendherberge von Mardorf einen Workshop der Freigeistigen Aktion e.V.
Zeitig angereist und mit Spektiv (Leica Apo-Televid 700) und einem einfachem Fernglas ausgestattet, konnten vor Beginn der Veranstaltung für eineinhalb Stunden die Wasservögel in diesem Bereich auf dem Steinhuder Meer beobachtet und gezählt werden. Zwischen der Herberge und einer Festanlegestelle, entlang des Ufers in ca. 200 m östliche Richtung, hielten sich um die 1300 Wasservögel auf. An diesem Morgen, die Beobachtungszeit lag zwischen 8.30 und 10.00 Uhr, war bei sehr diesig-nebliger Witterung die Sichtweite vermutlich etwa 250 m auf das Meer hinaus. Entlang des offenen Uferkorridors hielten sich besonders viele Möwen auf.  Ansonsten zählte ich u.a. um die 100 Gänse- und 5 Zwergsäger, 80 Haubentaucher und 9 Höckerschwäne.

Der überwiegende Teil der Höckerschwäne gründelte, suchte nach Nahrung und war aus nächster Nähe direkt bei der befestigten Anlegestelle zu beobachten. In Erwartung einer leichten Beute schwammen je 3 - 4 Lachmöwen, einmalig auch eine Sturmmöwe, im engeren Bereich der „halstauchenden“ Schwäne. Ein „Aufkippen“, um somit an tiefere Nahrungsquellen zu gelangen, war bei keinem Schwan festzustellen. Mit dem Auftauchen des Schwanenkopfes schnappten die nun auffliegenden Möwen, meistens dann allerdings erfolglos, nach der Nahrung des Höckerschwanes.

Neugierig geworden und bei näherer Betrachtung konnte ich als Beute mehrmals kleine, schwanenschnabelgroße Fische ausmachen und identifizieren. Bei nunmehr intensiver Beobachtung zeigte sich bei den Schwänen eine Abwehrstrategie gegenüber dem Nahrungsopportunisten Lachmöwe. Ich bemerkte einige Male folgende Situation: der mit einem Kleinfisch im Schnabel auftauchende Kopf des Schwanes wurde manchmal nur kurz aus und manchmal soweit aus dem Wasser gehoben als dass die Augen, das obere Gesichtsfeld, über und der Schnabel noch unter der Wasserkante gehalten wurde. Bei offensichtlicher Nähe, bzw. der Gefahr des Beuteverlustes durch Möwen, fängt der Höckerschwan an zu Schwimmen und rudert unerwartet schnell einige Meter weiter, um nun in der kurzen ungestörten Zeit den Beutefisch (und/oder auch Anderes?) als Nahrung zu sich zu nehmen.

Während der bisherigen Zeit meines Aufenthaltes dürften sich die kleinen Fische im tieferen, noch schwanenerreichbarem Wasser aufgehalten haben, es sind keine stoßtauchenden Möwen zu sehen. Wenige Minuten später ändert sich das Bild:  lautes Möwengeschrei und ein „wildes“ Stoßtauchen, besonders bei den Lachmöwen, beginnt und lässt auf ein Höherschwimmen der Kleinfischschwärme schließen. Von mir werden nur wenige Fische als Möwenbeute ausgemacht. Der Fangerfolg ist wohl eher gering, weil die Lachmöwe eine schlechte Stoßtaucherin ist. Fast zeitgleich ist ein in gleicher Art jagender Möwenschwarm nun 50 Meter entfernt zu notieren.

Eine über mehrere Minuten mit einem kleinen Fisch im Schnabel schwimmende Silbermöwe und erfolgreich jagende Haubentaucher und Gänsesäger wurden von den Lachmöwen kaum beachtet und nicht in ihrer Nahrungssuche „belästigt“.

Höckerschwan (Cygnus olor)

Literaturschau:

Beobachtungen von fischessenden Höckerschwänen gibt es kaum (Rutschke, 1992; Hilprecht, 1956;  Bauer, K.M. et. al., 1968). Es wird vornehmlich die vegetarisch-phytophage Ernährung betont und tierische Nahrung höchstens als eine potentielle Ergänzung angegeben. Eine umfangreiche und systematische Untersuchung wird durch H.-P. Geissen (2003) gegeben; Zwar ohne den Fang von Lebendfischen ausdrücklich festzustellen, wird von H.-P. Geissen die zeitweise Bedeutung bzw. Nutzung von tierischer Nahrung, z.B. beim Weibchen zur Vorlege- und Legeperiode, festgestellt. In einem besonderen Bezug zu meiner Feststellung, der Beobachtungsort ist gleichfalls das Steinhuder Meer mit dem gegenüberliegenden Seeufer und der Örtlichkeit Steinhude, ist der Bericht von K.-H. Nagel (1999) zu sehen. Es wird ebenfalls das gezielte Fischfangen und –verspeisen geschildert.
Das schnelle Schwimmen, meinerseits als Fluchtstrategie vor den „schmarotzenden“ Lachmöwen notiert und gedeutet, wird von K.-H. Nagel als aktive Phase des Fischfanges beschrieben. Dem Fisch wird in der Geschwindigkeit nachgestellt.
Es wären wohl auch beide Varianten möglich und denkbar und bei künftigen Feststellungen dem gezielt nachzusuchen. Der Flachsee „Steinhuder Meer“ scheint dafür prädestiniert zu sein, um weitere Beiträge dieses Höckerschwanen-Verhaltens zu liefern.
von Klaus-Peter Pryswitt

Literatur

Bauer, K.M. und U. N. Glutz v. Blotzheim (1968): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band 2: Höckerschwan (Cygnus olor) 27 – 46.Frankf./M.
Geissen, H.-P. (2003): Benthosfressende Höckerschwäne Cygnus olor. Ornithol. Mitt. 55: 371-378.
Hilprecht, A. (1956): Höckerschwan, Singschwan, Zwergschwan. NBB 177,  Ziemsen - Wittenberg.
Nagel, K.-H. (1999): Höckerschwäne (Cygnus olor) als aktive Fischjäger. Vogelkdl. Ber. Niedersachsen 31: 123.
Rutschke, E. (1992): Die Wildschwäne Europas. Biologie, Ökologie, Verhalten. 227 S. – Berlin.